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Die alten Ortsvereine
Vereinsentwicklung und Randerscheinungen
Bis tief in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein gab es im armen Pohl keinerlei Gedanken an Vereine oder Clubs. Das landwirtschaftlich geprägte Leben in den winzigen strohgedeckten Häusern, in denen nicht selten zehn, vierzehn oder achtzehn Menschen auf engstem Raum wohnten, ließ den Gedanken an Freizeitgestaltung kaum zu. Wenn man nicht gerade in Feld oder Stall, mit der Versorgung von Kindern oder einem kleinen Nebenerwerb wie Leineweben oder Besenbinden oder dem Reparieren von Werkzeug beschäftigt war, reichten die wenigen Stunden einer vollen Sechs-Tage-Woche gerade noch zum Kirchgang nach Niedertiefenbach oder Nastätten, zu einem Verwandtenbesuch in der Nähe oder zu einem Schwätzchen auf der Bank vorm Haus. Am ehesten schufen sich noch die Jugendlichen ein paar Freiräume - zum Beispiel am Sonntagnachmittag, wo man sich zum Spaziergang mit anderen Jugendlichen traf. Oder die Nachbarn, die an den dunklen Abenden beim Flachsspinnen in der Stube tratschten und sangen, während auf dem Herd ein paar Bratäpfel schmorten.
Erst gegen Ende des Jahrhunderts hörte man von Vereinen und Genossenschaften, die sich allenthalben in größeren Städten und Gemeinden neu gründeten, und die der armen Bevölkerung bei der Existenzsicherung halfen. Und man hörte auch von Vereinen, die die Kunst und die Geselligkeit auf ihre Fahnen geschrieben hatten. Von Gesangvereinen zum Beispiel, die bald das gesellschaftliche Leben um Kirchen und Schulen und gemeindliche Festtage herum mitbestimmten. Was einerseits von den Amtskirchen argwöhnisch beobachtet wurde, weil sich weitgehend unkontrolliert neue Lebensgewohnheiten entfalteten, erfuhr andererseits vielleicht die Gunst des Staates, wenn es sich um die Stammtische der ehemaligen Kriegsteilnehmer und Veteranen handelte, aus denen sich mancherorts bald Vereine zur Körperertüchtigung entwickelten.
Dies alles spiegelt sich auch im Werden und Wachsen der ersten Pohler Ortsvereine wieder. Das erste vereinsähnliche Gebilde entwickelte sich nach 1875. Gerade hat sich für Pohl nach langen Querelen der Traum von einer eigenen Schule erfüllt, und die Katholiken haben oben im Neubaugebiet endlich ihre eigene Kirche erhalten. Eine gewisse Euphorie, Aufbruchstimmung und erstmals gemeindliches Selbstbewußtsein fördern auch den Spaß am gemeinsamen Singen. So formiert sich bald ein Kirchenchor, der vom musikbegeisterten Pfarrer Ickenroth gefördert wird. Die Freude der Katholiken am Gesang und an ihrem Kirchenchor wird 1889 die Gründung des Männergesangvereins "Cäcilia" provozieren, in dem auch die evangelischen Männer Raum für Gesang und Geselligkeit finden.
Parallel zu diesen Gruppierungen, die erstmals in der Pohler Geschichte den Menschen und seine Lebensfreude in den Mittelpunkt rückten, beschäftigten auch die anderenorts so erfolgreichen Ideen der Gartenbau- und Darlehensvereine die Gedanken der noch immer bitterarmen Pohler - hier allerdings ohne dauerhafte Auswirkungen.
Eine untergeordnete Rolle spielten stets auch jene Vereine, die ihren Sitz in anderen Dörfern und nur ihre Mitglieder in Pohl hatten. Dies galt für die Jungvolk- und BDM-Gruppen im Dritten Reich ebenso wie für Gruppierungen innerhalb der beiden Kirchen nach dem Zweiten Weltkrieg.
Clubs und lockere Zusammenschlüsse, aus denen aber nie Vereine wurden, gab es in diesem Jahrhundert immer wieder. Meist waren es die Jugendlichen, für die sich kein Verein zuständig fühlte, die sich zu gemütlichen gemeinsamen Stunden trafen, wie Ende der zwanziger Jahre der "Club Einigkeit" um Karl Erfurt, Franz Arend und Robert Klein. Auch Leichtathletik und Fußball fanden in diesen Jahren erste Nachahmer. Das Fehlen finanzieller und materieller Ausstattung sowie der Eintritt in ein Berufs- oder Familienleben außerhalb von Pohl bescherte den Clubs meist ein rasches Ende.
Eine ganz besondere Rolle im Reigen dieser Pohler "Nichtvereine" nahm unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs der "Stülperclub" ein - und das nicht nur wegen einer gewissen Langlebigkeit. In Pohl finsterster Stunde 1945, als viele Männer noch nicht aus der Gefangenschaft heimgekehrt und die Tränen der Witwen und Waisen noch längst nicht getrocknet waren, fanden sich Pohler Jugendliche und ein paar aus den umliegenden Dörfern zu einem lockeren Club zusammen, um Armut und Trostlosigkeit zu vergessen. Ein- oder zweimal wöchentlich traf man sich bei "Schorsche" (Gasthaus Erfurt), um Dünnbier oder einen kräftigen Schluck vom schwarz gebrannten Schnaps zu trinken, der in einer alten Truhe im Hausflur versteckt war. Der Frankfurter Lehrer Bernhard Wüst, der das Kriegsende in Pohl erlebt hatte, betrachtete sich als väterlicher Freund der Jugendlichen, die dort immer wieder die acht oder zehn vorhandenen Schallplatten abspielten und beim Tanz die verlorenen Jahre zu vergessen suchten. Und dabei musste man sogar noch "Schmiere stehen", weil dann und wann der Jeep mit den Besatzungssoldaten vorbeikam, um die Sperrstunde zu kontrollieren. An Silvester 1946 gab man eine dreizehnseitige Bierzeitung heraus, in der man es sogar schaffte, über sich selbst und die schlechten Zeiten zu lachen - eine Leistung, die bis heute ihresgleichen sucht. Manche Nachkriegsfreundschaft und Nachkriegsehe nahm im "Stülperclub" ihren Anfang. Er bestand einige Jahre und führte ab 1949 sogar einige kleine Omnibusausflüge durch. Bedingt durch Familiengründungen und Wegzug löste sich der "Stülperclub" eines Tages auf. Viele Jugendliche fanden eine neue "Vereinsheimat" im Männergesangverein "Cäcilia", der in dieser Zeit einen neuen Aufschwung nahm.
Der zum Ende des Jahrhunderts stets sinkende Bedarf an Gemeinsamkeit und Geselligkeit im reicher gewordenen Pohl wurde seit den siebziger Jahren von den drei großen Pohler Ortsvereinen abgedeckt. Außerhalb der Vereine gab es nur noch wenige Clubs, die sich über große Zeiträume hinweg regelmäßig zum Stricken oder Kegeln, zum Schwimmen oder Spielen trafen. Nennenswert ist allerdings der Skatclub "Mit fünf" , der bereits seit mehr als 30 Jahren besteht.


