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Die Glocken von Pohl
Sieht man einmal von den jetzt lebenden Generationen ab, so hat wohl nichts den Alltag des Dorfes und das Leben jedes Einzelnen so intensiv begleitet und geprägt wie die Glocken von Pohl. Über Jahrhunderte hinweg teilten sie unauffällig, aber bestimmt die Zeit ein, sie bestimmten den Gang der alltäglichsten Dinge und Geschäfte, sie markierten die freudigen oder leidvollen Höhepunkte im Leben der Menschen und des Dorfes. Die Glocken riefen die Menschen zu unzähligen Gottesdiensten zwischen Frühmessen, Angelus und Vesper, sie verkündeten Feuersbrünste und Kriegsbeginn, sie riefen die Kinder zur Schule und die Bauern gegen Mittag vom Feld, sie begleiteten die Menschen zur Taufe, zur Hochzeit und zum Grab.
Pohl verdankt seine urkundliche Ersterwähnung einer kleinen Kapelle, die in der heutigen Kapellenstraße stand und dem Heiligen Michael geweiht war. Ob die Pohler Kapelle in diesen armseligen Zeiten schon eine oder gar mehrere Glocken in ihrem Türmchen hatte, ist nicht bekannt. Bekannt ist dagegen, dass um 1436 herum Männer des Grafen Dietrich von Sayn nach Pohl ritten, hier einen der Leibeigenen des Grafen von Katzenelnbogen erschlugen, erheblichen Schaden anrichteten und auch die Kapelle abbrannten. Wahrscheinlich hat man sie, so schnell wie es die Verhältnisse erlaubten, wieder aufbauen und mit einem richtigen Geläute ausstatten wollen. Jedenfalls erhielt sie in den Jahren 1445 bis 1479 drei Glocken. Nicht recht einzuordnen und zu belegen ist allerdings das Gerücht, drei Glocken seien in einer Pohler Lahmkaut gegossen worden.
Die älteste Glocke ist eine dem Erzengel Michael geweihte Bronzeglocke mit dem Geläutmotiv "fis". Sie trägt zwischen zwei Kordelstegen in knapp 3cm hohen gotischen Minuskeln die Schulterumschrift
"S. michael heissen ich ionhan bruwile gois mich ano dni MCCCXIIIII".Vor der Schrift befindet sich die 4 cm hohe, stark verwaschene Figur des Erzengels Michael, der mit seiner rechten Hand ein Schwert waagerecht über dem Kopf hält. Daneben befindet sich, etwa 5 cm hoch, ein Kruzifix mit Korpus. Unter dem Wort "ich" befindet sich auf dem Mantelrand eine undeutliche Figur mit einem Schlüssel in der Hand, bei der es sich wohl um eine Darstellung des Heiligen Petrus handelt. Drei Ringe werden als Hostien gedeutet, dem Pilgerzeichen des Wallfahrtsortes Wilnach. Mit solchen Pilgerzeichen sollte der Segen auf die Glocke erbeten werden. Die Quellen, die sich mit dieser Glocke befassen (F. Luthmer, 1921; Köster, Frankfurt; Poettgen, 1986; Glockenkartei des Bistum Limburg, 1988) widersprechen sich vielfach. Die Gewichtsangaben schwanken zwischen 45 kg (Poettgen) und 90 kg (Glockenkartei), bei der Angabe des Durchmessers von etwa 46 cm gibt es Schreibfehler (Glockenkartei), und die Jahreszahl 1445 wird gelegentlich abweichend auch als 1447 und 1448 gelesen. Johann Brauweiler stammte aus einer alten Kölner Glockengießerfamilie und arbeitete später im Westerwald. Abgesehen von seiner Namensangabe auf der Glocke weisen auch die Buchstaben auf ihn als Glockengießer hin: Die Holzmodeln hatten stets eine ganz persönliche Prägung, und sie verraten auch nach Jahrhunderten noch die Handschrift des Meisters. Die Michaelsglocke bzw. die Michaelskapelle wurde im 16. Jahrhundert zum Motiv für das Siegel des Gerichtes zu Pohl; die Gerichtsurkunde von 1568 zeigt jedenfalls den Erzengel mit Schwert und Schlange.
Über eine zweite Glocke aus der alten Pohler Kapelle liegen nur wenige sichere Angaben vor. Sie stammte wohl vom gleichen Glockengießer und trug neben der Jahreszahl 1448 die Aufschrift "Gott allein die Ehre".
Die dritte Glocke wird mit einem Durchmesser von 73 cm und 210 kg angegeben (Luthmer, 1921). Auch sie trug Johann Brauweilers Handschrift und erhielt in gotischen Minuskeln die Aufschrift: "Maria heißen ich allen boesen Weder verdriben ich MCCCCLXXIX" (1479).
Wahrscheinlich fand am 8. Februar 1752 die letzte Trauung in der mittlerweile baufällig gewordenen Pohler Kapelle statt. Vielleicht hat sogar das Gewicht von drei vergleichsweise stattlichen Glocken zur Baufälligkeit beigetragen. Das Türmchen der sicher nicht allzu großen Kapelle dürfte jedenfalls gewaltig geschwankt haben, wenn die drei Glocken gleichzeitig geläutet wurden. Irgendwie müssen alle drei die Notzeiten des Dreißigjährigen Krieges und der großen Seuchen, die unsere Heimat fast völlig entvölkerten, überlebt haben. Jetzt aber, 1752, fielen mit dem Abriss der Pohler Kapelle alle drei Glocken der mittlerweile evangelischen Mutterkirche in Niedertiefenbach zu.
Die Glocke von 1448 wurde später an das Kirchspiel Marienfels abgegeben. Das gab sie 1835 weiter an die Filialkirche nach Hunzel, wo sie mit zwei anderen Glocken bis in den Ersten Weltkrieg hinein läutete. Wahrscheinlich 1917 wurde sie dort mit einer weiteren Glocke abgegeben, um für den Krieg eingeschmolzen zu werden.
Die größte der Glocken, die Marienglocke von 1479, blieb den Pohlern in gewisser Weise erhalten: Die evangelischen Christen besuchten regelmäßig über den Kirchweg ihre Kirche zu Niedertiefenbach, in deren Turm sie von nun an schlug. Im Ersten Weltkrieg sollte auch sie zum Einschmelzen abgegeben werden. Sie wurde mit einer weiteren Glocke abgehängt und verabschiedet. Im letzten Moment kam dann die Genehmigung, dass sie doch als historisch besonders wertvolles Stück in Niedertiefenbach bleiben dürfe. Kaum war sie aber wieder an ihrem alten Platz, da bekam sie plötzlich am Freitag, dem 11. Januar 1918, einen Sprung, der ihren Klang zerstörte. Nun musste sie doch noch den Weg zum Schmelzofen antreten.
Das älteste Glöcklein aber, die Michaelsglocke von 1445, blieb bei der Zivilgemeinde Pohl, die sie mit einem Schlagwerk versah und in den Turm des Pohler Rathauses hängte. Gut 100 Jahre lang war die kleine Michaelsglocke auf dem Rathaus dann die einzige Glocke in Pohl. Sie durfte Feiertage und Kriegsausbrüche verkünden, sie rief die evangelischen Christen zu gelegentlichen Gottesdiensten in den kleinen Rathaussaal, sie läutete, als die katholischen Christen an der Grenze zu Bettendorf erstmals einen eigenen Pfarrverwalter abholten, und sie war dabei, als Pohl eine eigene Schule bekam. Gelegentlich mag sie das Läuten ihrer Schwestern gehört haben, mit denen sie 300 Jahre im gleichen Pohler Kapellentürmchen gehangen hatte – dann nämlich, wenn der Wind das Geläut der Glocken in der Hunzeler Kapelle oder das der Kirche in Niedertiefenbach über die Felder und Wiesen nach Pohl herüber trug. Als die Katholiken überschwänglich die Fertigstellung ihrer Kirche am oberen Ortsrand feierten, wurde die kleine Michaelsglocke auf dem Rathaus zur Schulglocke und "Alarmanlage" für das Dorf. Sie übernahm das so genannte "Polizeiläuten". Morgens um 6 Uhr läutete sie, um nach uralter Tradition "den Verirrten der Nacht den Weg in die Häuser zu zeigen". Um 8 Uhr rief sie die Kinder zur Schule, und um 11 Uhr kündigte sie den Bauern auf dem Feld die Mittagszeit an. Und wer im Pohler "Rathaus-Backes" sein Brot backen wollte, der eilte nach dem 11 Uhr - Läuten zur "Zapp-Mamme" in die "Namannsgass", weil dann nämlich die Reihenfolge beim Backen ausgelost wurde. Manchmal läutete sie aber auch schon früh am Morgen kurz nach 6 Uhr: als "Glöckchen beim Schabläuten" zeigte sie an, dass jemand aus dem evangelischen Bevölkerungsteil Pohls sein Dorf für immer verlassen hatte. Und für die evangelischen Mitbürger war sie auch das "Sterbeglöckchen". Wer sie während einer Beerdigung zu läuten hatte, der wurde für diesen Dienst bis in die fünfziger Jahre hinein nach alter Tradition mit einem Laib Brot entlohnt.
So blieb es bis zum Abriss des alten Pohler Rathauses 1969. Für einige Zeit stand sie dann auf dem alten Rathausplatz in einem kleinen Turmgerüst, ehe die Ortsgemeinde sie 1988 von der Firma Rincker in Sinn/Hessen überholen ließ. Danach fand sie einen würdigeren Platz, von wo sie noch heute die Verstorbenen auf ihrem letzten Weg begleitet. Ihr Geläut ist nicht nur das letzte, was die Pohler ihren Verstorbenen mitgeben können, es ist zugleich auch etwas zeitlos Wertvolles: Der Klang einer Pohler Glocke, die Jahrhunderte überdauert und fast alle Dorfbewohner vor uns gekannt und auf ihrem Weg begleitet hat.
Das alte Schlagwerk der Glocke war 1969 beim Abriss des Rathauses beschädigt
und verschüttet worden. Mit seinen Steingewichten hatte es längst antiquarischen
Wert. Zwei ähnliche Schlagwerke stehen lediglich noch in Villingen/Schwarzwald
und Appenzell/Schweiz. Der Rhein-Lahn-Kreis unterstützte mit einem Zuschuss
die Gemeinde bei der Restaurierung dieses seltenen Stückes, das heute
im Bürgerhaus "Zur alten Schule" zu sehen ist.
Konkurrenz hatte das Michaelsglöckchen also bei der Fertigstellung der Katholischen Pfarrkirche 1875 bekommen. Nach langer Zeit gab es also wieder in Pohl Kirchenglocken, geliefert von der Firma Hamm aus Frankental. Die Freude an dem stolzen Geläut währte aber nur 42 Jahre: 1917 wurden zwei der drei Glocken wieder aus dem Turm der Katholischen Pfarrkirche geholt, auf der obersten Stufe der Kirchentreppe aufgebaut und verabschiedet. Der Erste Weltkrieg und die Rüstungsindustrie hatte begehrlich ihre Hände nach der Glockenbronze ausgestreckt, um sie zum Schmelzen von Kanonen zu verwenden. Die verbliebene Glocke begleitete dann den Pohler Alltag über die Notzeiten nach dem Ersten Weltkrieg, die heiligen Missionen von 1929 und 1939, die Tage des Zweiten Weltkrieges und der Besatzung. Vorm Einschmelzen im Zweiten Weltkrieg konnte sie nur bewahrt werden, weil man statt ihrer einige Glockenklöppel und anderes Metallgerät bei der Sammelstelle abgab. Manche Pohler trennten sich damals von ererbten und lieb gewonnenen Metallgegenständen, um dafür die Pohler Glocke im Dorf zu halten.
1963 sollte sie durch zwei neue Glocken Verstärkung bekommen. Pfarrer Hannappel hatte sie bei der Firma Schilling in Heidelberg bestellt, um das alte Dreiergeläut wieder herzustellen. Aber dann passten plötzlich die Halbtöne nicht mehr zueinander und statt zwei kamen nun drei neue Glocken ins reicher gewordene Pohl. Elektrisch läuten sie seither in den Tönen "c", "fis" und "a". Sie sind St. Josef, dem Patron der Sterbenden, Maria, der Patronin der Pohler Pfarrkirche, und St. Christopherus, dem Patron der Autofahrer, geweiht. Feierlich eingesegnet wurden sie von Domkapellmeister Pabst am 21. April 1963.
Die ausgediente alte Glocke von 1875, die zwei Weltkriege und einige Pohler Generationen überlebt hatte, hing seither an einer Kette und ohne neue Aufgabe im Dunkel des Kirchenspeichers. Sie in würdiger Form wieder ans Licht zu holen und zu beleben, wurde zwar 1992 schon beschlossen, bis heute aber nicht umgesetzt. Glocken sind immerhin geduldig und rechnen in größeren Zeitabschnitten als die Menschen.


