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Heimatdichter Walter Schweter
Erinnerungen an den
Heimatdichter Walter Schweter haben heute nur noch wenige Pohler. Es sind
die älteren Mitbürger, die sich noch an Begegnungen mit ihm im Wald oder
an die Sonntagsspaziergänge zu ihm erinnern, die anderen Pohler Bürger
wissen wenig von ihm und gebrauchen seinen Namen nur noch im Zusammenhang
mit dem "Schweterhäuschen" am Ufer der Sommerbach.
Was hier vom Leben des Walter Schweter überhaupt bekannt ist, weiß man aus seinen eigenen Erzählungen oder eben aus seinen letzten 12 Lebensjahren, die er am Rande der Pohler Gemarkung verbrachte. Er sagt in einer seiner letzten veröffentlichten Erzählungen über sich, dass er geboren sei "zur schönen Sommerzeit 1879 in Oberlahnstein am Rhein und aufgewachsen als Sohn des Försters dieser Stadt im Bergwald über Rhein und Lahn". Seine Mutter war die Tochter eines Zimmermeisters und Sägewerksherrn der niederschlesischen Heide, sein Vater war der Sohn eines heilkundigen Schafmeisters und Bildschnitzers aus Oberschlesien. Die Eltern haben ihm nach seinem eigenen Bekunden das Beste fürs Leben mitgegeben: Ein Gottvertrauen, das sich durch nichts irre machen lässt und den unbedingten Willen zur Arbeit für Heimat und Vaterland. Dabei hat er sich recht früh von der Kirche losgesagt und Gott in der freien Natur gesucht.
Seine Kinder- und Jugendzeit, die vom Leben in der Natur und mit der Natur gekennzeichnet war und die der Försterbub an der Hand seines Vaters in den Hochwäldern über Rhein und Lahn verbrachte, hat den späteren Dichter fürs Leben geprägt. Nach dem Ersten Weltkrieg, an dem er wohl an der französischen und polnischen Front teilgenommen hat und aus dem er verwundet zurückkehrt, erscheinen seine ersten Büchlein. Die Erzählungen sind von Anfang an gekennzeichnet von Heimat- und Vaterlandsliebe, von einer alles überlagernden Liebe zur Natur und von einem feinen Gespür für all die kleinen Wunder im Tier- und Pflanzenreich.
Es heißt, Walter Schweter hätte eine gesicherte Beamtenlaufbahn im heimischen Oberlahnstein einschlagen können, wenn er nur gewollt hätte. Beste Referenzen hätte er wohl gehabt. Aber dann sei da die Liebe zu einem jungen Mädchen gewesen. Für die Liebe der beiden, vom Alter her so unterschiedlichen Menschen hätte aber die gutbürgerliche Gesellschaft und die Familie wenig Verständnis aufgebracht und so hätten die beiden sich lahnaufwärts auf den Weg gemacht, ein Zuhause suchend. Die Liebe zu den Tälern und Wäldern der Heimat hat sie wohl durchs Jammertal bis ins Hasenbachtal bei Pohl geführt. Dort wohnten sie 1933 zunächst auf der Uhusmühle beim "Hollemüller" und bei der Familie Loring auf der "Arztemühl", bis sie sich nach einer neuen Bleibe umsehen mussten. 1935 kaufte Walter Schweter ein kleines Grundstück an der Sommerbach links der Kreisstraße von Pohl nach Niedertiefenbach. Dort, im damals freien Feld errichtete im Angesicht von Bach und Wiese und Wald sein Domizil, in dem er mit seiner Lebensgefährtin Renate abgeschieden vom Trubel um ihn herum und im Einklang mit der Natur den Rest seines Lebens verbrachte. Er nannte sein Haus nach dem Titel eines Buches, das ihm ein Freund verehrt hatte, "Unter den Eichen". Es stand zunächst am unbewaldeten Hang, zum richtigen Waldhaus, das von allen Seiten von Bäumen umstanden war, wurde es erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Hier lebte seine Lebensgefährtin noch lange mit ihrem späteren Mann als Renate Faulde bis zu ihrem Tod 1992 - ohne fließendes Wasser und Telefon, ohne so manche (überflüssige) Errungenschaft der Zivilisation, einfach und vegetarisch.
Dass Walter Schweter und seine Erzählungen etwas in Vergessenheit gerieten, hat viele Gründe: Da ist einmal die einheimische Landbevölkerung, denen in den Aufbaujahren nach dem Zweiten Weltkrieg der Sinn nicht nach Lesen und Literatur stand, die also zu seinem schriftstellerischen Werk wohl nie einen echten Bezug gefunden hat. Zum anderen ist da die Sprache seiner Erzählungen, die auf heutige Ohren romantisierend und oft schwülstig überzogen wirkt. Die Inhalte, durchweg nah an der damals noch heilen Umwelt entlang erzählt, durchdrungen von einer fast unglaublichen Liebe zu den Dingen in Wald und Feld, übten keinerlei Anziehungskraft mehr aus auf die Wirtschaftswunder-Generation. Und vergessen wurde Walter Schweter sicher auch deshalb schnell, weil er ganz unbestritten Sympathien für die Größen des Dritten Reichs hatte und auch dessen Sympathien genoss.
Es heißt, dass Walter Schweter regelmäßig auf den Veranstaltungen der NSDAP zu finden war. Er muss große Hoffnungen in Adolf Hitler und seine Partei gesetzt haben. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Im ersten Weltkrieg hatte er Polen und Russen als Feinde erlebt und die Franzosen darüber hinaus bis 1929 als verhasste Besatzer am Rhein, die in den Wäldern seines Vaters nach Belieben jagten. Ihr Frevel an der Natur und die Demütigung seines Vaterlandes hat er wohl nie vergessen. Gerade die Nationalsozialisten versprachen aber, das deutsche Volk aus Elend und Demütigung heraus zu führen und ihm Ehre und Selbstachtung zurückzugeben. Diese Versprechen haben ihn wohl blind gemacht gegenüber dem, was im Zeichen der neuen Machthaber außerdem geschah.
Seine Büchlein und Erzählungen brachten ihm alles andere als Reichtum ein; dennoch muss er in seinem kleinen Waldhaus sehr zufrieden gelebt haben. Den Nationalsozialisten mit ihrer "Blut und Boden-Propaganda" und der Verherrlichung allen Deutschtums kam Walter Schweters Literatur gerade recht. Er bekam Zuspruch und Anerkennung von schriftstellerischen und politischen Größen des Regimes. Der deutsche Sprachverein schrieb: "Hier stört uns kein Fremdwort, keine schwülstige gesuchte Redeweise. Rein, klar, schlicht und sonnig läßt Walter Schweter unsre deutsche Sprache klingen". Diese Nähe Schweters zum Dritten Reich macht ihn auch heute noch "verdächtig" und zementiert wohl für lange Zeit den Abstand zu ihm und seiner Literatur. Wer sich aber heute trotz der etwas überzogenen Sprache in seine Erzählungen vertieft, wird bald spüren, dass Walter Schweter eher ein Propagandist der Natur als des Dritten Reiches war. Viele seiner Erzählungen sind wahrhaftig ein Zeitzeugnis, ja ein Denkmal für den damals noch intakten Lebensraum zwischen Rhein und Lahn. Kein zweiter hat je derart liebevoll und sicher auch kompetent aus dieser Heimat erzählt, wenige haben so früh wie er die Empfindlichkeit und Schutzwürdigkeit unserer heimischen Landschaft erspürt. Wie viele hat er seine Hoffnungen auf eine bessere Zukunft in den falschen Führer gesetzt, seine Botschaft aber ist in unserer Zeit aktueller denn je.
Die Pohler, vor allem die Kinder, waren regelmäßige Gäste im kleinen Waldhaus in der Sommerbach, und noch heute erzählen einige von ihnen, wie immer wieder die Vögel des Waldes auf sein Pfeifen hin zu ihm auf die Hand geflogen seien – was tatsächlich auch durch Fotos belegt ist.
Er selbst schreibt in einer Erzählung dazu:
"Oft habe ich mein zwischen kleinen Walddörfern liegendes Waldhäuschen voller Kinder, besonders im Winter, der den Dorfleuten mehr Zeit zum Ausruhen und Besuchemachen gibt als die übrige Jahreszeit. Sie sind aufmerksam, wenn ich Märchen vorlese oder fröhliche Erlebnisse erzähle und versenken sich gern in meine vielen Bücher und Spiele. Aber nichts fesselt sie so sehr wie die Zutraulichkeit der Waldvögel, die auch ihnen, wenn ich dabeistehe, arglos auf die Hände fliegen und sich dort ihr Futter holen. Wer zum erstenmal spürt, wie sich die Füßchen des vertraut gewordenen Wildlings auf der Hand festhalten und sieht, wie die Vogelaugen ihn zutraulich, aber immer noch mit einer kleinen Angst im Blick auf das Geschöpf, von dem sie nur Verfolgung kennen, anschauen, der wird das süße Wonnegefühl nie vergessen und manche teure Lustbarkeit leicht hingeben für diese Freundschaft."
Walter Schweter lebte in seinem kleinen Waldhaus an der Sommerbach in selbst
gewählter Distanz zu den Menschen und in selbst gewählter Nähe zur Natur
- bescheiden und eher ärmlich, aber sicher reich an dem, was ihm wichtig
war. Bis zuletzt hat er wohl gehofft, dass es Adolf Hitler gelänge,
ein tausendjähriges Reich zu schaffen, in dem sich der Frieden zwischen
Mensch und Natur verwirklichen ließe. Es erscheint schicksalshaft, dass
Walter Schweter kurz vor Kriegsende am 11. Februar des Jahres 1945 quasi
mit dem Dritten Reich und allen damit verbundenen fehlgeleiteten Hoffnungen
starb. Es war wohl der Magen, der ihm zuletzt zu schaffen gemacht hatte.
Nahrung hat er am Schluss kaum noch zu sich nehmen können, unter Schmerzen
kam er gelegentlich noch zum Bäcker, um ein Brot zu holen. Der Zusammenbruch
des Reiches und der Fronten erfolgte zeitgleich mit seinem persönlichen
Niedergang, die neuerliche Besetzung seiner geliebten Heimat durch Besatzungstruppen
und den Neuanfang erlebte er nicht mehr. Seine Botschaft vom "einfachen Leben" im Einklang mit der Natur scheint heute - gut ein halbes
Jahrhundert nach seinem Tod - aktueller denn je.
Mit einem Pferdefuhrwerk holte man in den letzten Kriegstagen des Zweiten Weltkriegs den toten Heimatdichter aus seinem Häuschen in der Sommerbach ab und brachte ihn – immer in Angst vor feindlichen Tieffliegern - nach Frücht. Dort wurde er entsprechend seinem letzten Willen begraben. In der Nähe seiner über alles geliebten Wälder ruht er im Winkel der Kirche unweit der Gruft des Freiherrn vom Stein. Was er im Leben werden wollte und ersehnt hat, der "Erzähler und Schriftleiter für Naturschutz und Heimatpflege", hat er in Pohl verwirklichen können, wie er in einem seiner letzten Bändchen schreibt. Er wünschte sich, "Freund, Kamerad, Helfer sein zu dürfen allem Lebenden in der Heimat und davon künden zu dürfen. Mehr will ich nicht, nur, dass es so bleibe, bis auch mein Leben zu neuem Leben endet."


